Haben Sie das Interview gesehen?

Ja, mir ist das Interview mit einer Gesamtlänge von 35 Minuten bekannt.

Sie sind eine Figur des Fernsehens und der ARD. Was halten Sie von der journalistischen Leistung des ehemaligen Kollegen Jörg Schönenborn mit Wladimir Putin?

Herr Schönenborn ist Chefredakteur des Westdeutschen Rundfunks und das bekannteste ARD-Gesicht bei den wichtigsten Wahlsendungen hierzulande. Er ist in Deutschland nicht unumstritten, so löste Schönenborn letztes Jahr einen bundesweiten Skandal aus, als er den vorgeschriebenen Bürgerbeitrag für das öffentlich-rechtliche Fernsehsystem, durch welches er ja selbst auch finanziert wird, als "Demokratie-Abgabe" bezeichnete. Jeder Deutsche wird seit 2013 zu dieser Art "Zwangssteuer" gezwungen, ob er will oder nicht, ob er einen Fernseher besitzt oder nicht, deswegen gibt es hier derzeit eine Menge Ärger. Das wahre Demokratie-Verständnis des Herrn Schönenborn hat durch diese Debatte viele Fragen aufgeworfen, zahlreiche Menschen forderten seinen Rücktritt. Im Internet gibt es viel Protest und großeZusammenschlüsse der Bürger, die sich bevormundet fühlen und zunehmend erkennen, dass es gerade unser "Staatsfernsehen" ist, dessen Berichterstattung über politische Themen nicht selten recht einseitig ausfällt, wie man z.B. hier bei facebook sehen kann: Die Frage lautet: Ist Herr Schönenborn mit dieser Gesinnung wirklich der richtige Mann in dieser doch sehr einflussreichen und verantwortungsvollen ARD-Position?

Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet ein Journalist, der selbst dermaßen in der Kritik steht, und der sich zunehmend Vorwürfen wie Propaganda und die Beschneidung der Meinungsfreiheit ausgesetzt sieht, für ein solch wichtiges Interview mit Herrn Putin ausgesucht wurde. Doch solange der Machtapparat der ARD hinter ihm steht, hat er nichts zu befürchten.

Mit dem Interview Wladimir Putins, wo Schönenborn mit vorgefertigten Meinungen und schweren Vorwürfen, die widerlegt wurden, erschien, hat er sich einen weiteren Bärendienst erwiesen, auch hier mehren sich die Proteste der Bürger und sogar mancher Medien gegen Herrn Schönenborn und das System. Die Menschen ärgern sich, weil sie mit ihrer "Demokratie-Abgabe" diese fragwürdige Aufzeichnung auch noch bezahlen müssen.

Ist die Leistung von Jörg Schönenborn ein Leitmodel des heutigen Journalismus in Deutschland?

Ja und nein. Nein insofern, als jeder Journalistenpraktikant heute als eine der ersten Regeln lernt, nicht mit vorgefassten Meinungen in ein Interview zu gehen und seinem Gegenüber eine faire Chance zu geben. Das ist in dem Putin-Interview nicht geschehen. Ja deshalb, weil die Arbeitsweise des Herrn Schönenborn erkennen lässt, dass er diese Lehrsätze offenbar völlig vergessen zu haben scheint. Der ARD-Journalist ist aber kein Einzelfall, sondern das hat hier längst Schule gemacht. Es gibt in Deutschland zu gewissen Themen eine politisch korrekte Haltung, gegen die kein Journalist, der in den Mainstream-Medien arbeitet, verstoßen darf, andernfalls ist er weg vom Fenster. Dazu gehört auch die Gesinnung, dass Russland immer böse und Amerika immer lieb ist.

Da Sie Insider der ARD sind, was war die Absicht dieses Interviews vonseiten der ARD?

Nun, das ist ja klar: Hier sollte, wie immer, diese einseitige Position gegenüber Russland vertreten werden. Herr Schönenborn und seine Chefs haben aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der russische Präsident hat den guten Mann völlig ausgehebelt, das Interview ist ein Lehrstück dafür, wie man als Journalist auf keinen Fall arbeiten sollte. So schien Herr Schönenborn auch inhaltlich nicht sonderlich gut vorbereitet gewesen zu sein, zahlreiche Gegenfragen des Präsidenten konnte er nicht beantworten, und so zuckte er manchmal nur hilflos mit den Schultern. An seiner Stelle wäre ich vor Scham in die Erde versunken, denn bitte sehr, Schönenborn hatte immerhin den Präsidenten Russlands vor sich sitzen. Da gebietet es schon der Anstand, aber auch die journalistische Sorgfalt und Ethik, dass man vernünftig vorarbeitet. Der Versuch, Herrn Putin vorzuführen, ihm die alten Kamellen von fehlender Meinungsfreiheit und von "Staatsgewalt" vorwerfen zu wollen, sind glatt misslungen. Wladimir Putin war ihm klar überlegen. Unterm Strich ist dieses Interview vonseiten der ARD eine Frechheit, ein Skandal.

Welche Punkte haben Ihnen im Interview gefallen? Und wieso?

 Schauen Sie, man sollte ein Interview nicht nur alleine inhaltlich bemessen, was wir natürlich auch tun werden. Der Gesamteindruck ist wichtig, das menschliche Miteinander. Hier erhält man oft mindestens ebenso wichtige Informationen. Und hier war der russische Präsident klar vorne: Wladimir Putin war schon deswegen eindeutig in der souveräneren Position, weil er fließend Deutsch spricht. So nahm er häufig den Dolmetscher-Knopf einfach aus dem Ohr und reagierte ohne Übersetzung. Putin machte auch nonverbal alles richtig: Er saß selbstbewusst in dem Sessel, hatte eine offene Körperhaltung eingenommen, und auch seine Gesichtsmiene war freundlich und zugewandt. Das alles hatte Herr Schönenborn nicht vorzuweisen: Während dieser zu Beginn des Gesprächs noch die Haltung zu wahren suchte, ist deutlich erkennbar, dass er nach der Hälfte des Interviews sich zu verschließen begann, er faltete die Hände über seiner Brust fest zusammen, so dass zweitweilig die Handknöchel ganz weiß hervortraten, er verkrallte sich also. Währenddessen wurde seine Körperhaltung immer krummer, er rutschte hinten an der Sessellehne herunter, er beugte sich gewissermaßen. Dies ist ein eindeutiges Zeichen für Unsicherheit und Angst. Man kann nur ahnen, wie es erst in ihm ausgesehen haben mag. Herr Schönenborn stellte damit unter Beweis, wer in diesem Gespräch "die Hosen anhatte". Einem deutschen Top-Journalisten in dieser Position darf das bei einem Interview mit einem bedeutenden Staatsmann wie Wladimir Putin natürlich nicht passieren. Dafür gibt es schließlich Coachings und Psychotrainings.
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