Gespräch mit Eva Herman über Putins ARD-Interview Teil I

Welche Lektion sollten die Zuschauer in Deutschland davon lernen?

Inhaltlich ist Jörg Schönenborn ebenso aufgelaufen. Lassen Sie uns nur den Beginn des Gesprächs kurz analysieren. So eröffnete der ARD-Journalist das Gespräch mit dem Vorwurf der Einschüchterung durch die Razzien bei Nicht-Regierungsorganisationen in Russland.

Schönenborn glaubte, stellvertretend für Deutschland zu sprechen, als er sagte: "Die deutsche Öffentlichkeit hat die Erklärung: Da soll eingeschüchtert werden. Warum handelt Ihre Behörde so?" Putin lachte darauf nur amüsiert und antwortete: "Ich glaube, Sie schüchtern die deutsche Öffentlichkeit ein. Es passiert doch gar nichts Ähnliches und man muss die Menschen nicht einschüchtern". Er machte klar, dass nichts verboten und niemand an nichts gehindert werde.

Russland behalte sich eben vor, zu kontrollieren, wie mit ausländischem Geld in Russland politisch gearbeitet werde. Putin führte auch aus, dass es in den USA seit über 75 Jahren üblich sei, dass sich ausländische Organisationen, die im Land politisch agieren und von fremdem Geld finanziert werden, registrieren lassen müssen. Mal ehrlich: Wer die wahren Hintergründe anlässlich der letzten russischen Präsidentenwahl zur sogenannten "weißen Revolution" kennt, dem dürfte nicht verborgen geblieben sein, dass das westliche Ausland hier offenbar ordentlich mitmischte. Auch der "Pussy-Riot-Skandal" steht im Ruf, vom Westen initiiert worden zu sein. Bevor wir nicht das Gegenteil beweisen können, sollten wir uns im deutschen Staatsfernsehen mit solchen Vorwürfen zurückhalten.

Peinlich auch die Situation, als Herr Schönenborn einwendete, dass in den USA ähnliche Durchsuchungen und Beschlagnahmungen gar nicht stattfänden. Herr Putin bewies dem Journalisten prompt mit einem Dokument, dass er sich von einem Mitarbeiter reichen ließ, das ein von Putin erwähntes Gesetz in den USA existiere. Dem verdutzten Journalisten sagte er: "Ich wiederhole: Das ist kein Novum, das wir uns haben einfallen lassen. Aber warum ist das so aktuell für uns? Was glauben Sie? Wie viele Nicht-Regierungsorganisationen gibt es in Europa, die sich aus Russland finanzieren lassen? Was glauben Sie persönlich? "Und wieder musste der Top-Journalist passen: "Ich kann das nicht schätzen, Herr Präsident. Ich kann ja auch nur über meinen Eindruck sprechen. Lassen Sie mich…"

Erneut unterbrach Herr Putin den ARD-Mann und ließ sich eine weitere Mappe reichen: "Entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich werde es Ihnen sagen. [...] Eine solche Organisation gibt es in Paris und die andere, die zweite Organisation ist in Nordamerika tätig und ist in den USA registriert worden. Es gibt zwei, insgesamt. Einmal in den USA, einmal in Europa. Ich habe schon geahnt, dass Sie mich fragen werden". Und dann tat Herr Putin etwas, was Herrn Schönenborn den Rest zu geben schien: Er fragte ihn: "Wie heißen Sie übrigens? "Er hätte auch fragen können: "Wer sind Sie überhaupt?" Man sollte sich das ganze Interview in Ruhe ansehen, es ist ein Lehrstück für Politik und Journalismus. 

Denken Sie nicht, dass dieses Interview einen Bruch in der Journalistenlandschaft zeigt?

Wie ich schon sagte, das Interview ist ein weiterer Beweis dafür, mit welch einseitigem Blick Russland von hier aus gesehen werden soll. Das wird ganz öffentlich gemacht, ohne Skrupel und schlechtes Gewissen. Man fühlt sich offenbar sicher. Wer die jahrelangen Berichte über Russland im öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehen verfolgt, dem wurde immer wieder klargemacht: Hier gibt es nur einen Bösen, und der sitzt im Osten. Die immerwährenden Vorwürfe und die mangelnde ehrliche Bereitschaft für einen wirklich fruchtbaren Austausch werden auch in dem Schönenborn-Interview trefflich unter Beweis gestellt. Wladimir Putin hat aber offenbar die Nase voll davon, was man gut verstehen kann. Er war hervorragend vorbereitet und setzte hier jetzt ein deutliches Zeichen. Und man sollte dieses ernst nehmen, denn an solchen vermeintlichen Kleinigkeiten entzünden sich die großen Auseinandersetzungen. Auch die Art und Weise, wie Herr Putin zu Beginn der Woche in Deutschland empfangen wurde anlässlich der Hannover Messe, ist meines Erachtens ein weiterer Akt der Unhöflichkeit. Da wählt man sich als Partnerland für diese Messe Russland aus, der Präsident kommt auch, und dann wird er von Presse und Politik kühl und unhöflich behandelt. Mit dieser Art ist kein Staat zu machen, und angesichts der doch engen wirtschaftlichen Beziehungen, die für Deutschland nicht unwichtig sind, kann man sich nur wundern.

Warum sind Sie Russland gegenüber so positiv eingestellt?

Einmal abgesehen von der Weltpolitik, in der Russland häufig Positionen einnimmt, die ich besser nachvollziehen kann als die deutschen und amerikanischen, beobachte ich sehr aufmerksam die Gesellschaftspolitik Russlands. Dabei wird erkennbar, dass der russsiche Präsident, im Gegensatz zu Europa, langfristig plant und denkt. Er hat das Wohl des Volkes im Auge, und entwickelt ein System der Ordnung, welches auf die Zukunft baut. Was in unseren europäischen und deutschen Presseberichten so gut wie nie zur Sprache kommt, ist die hervorragende Familien-und Sozialpolitik Russlands, die seit Jahren enorme Anstrengungen unternimmt, um das Volk zu den gesunden Naturprozessen zurückzuführen: Enge Mutter-Kind-Bindung, finanzielle Unterstützung für Familien, und die Pflege und Verbundenheit der Menschen zu ihren Wurzeln, der Heimat. Es ist ein vorbildliches und klug vorausschauendes Programm. Und während wir hier im Westen alles tun, damit wir möglichst bald aussterben, macht Wladimir Putin genau das Gegenteil. Nun kann man raten, wer den längeren Atem haben wird. Wir sollten von unserem hohen Ross herunterkommen und die wahren Fakten erkennen lernen. 

Im Licht dieses Interviews fragen wir uns noch einmal nach dem Sinn Ihrer Kündigung 2007 bei der ARD?

 Wie ich schon sagte, so ist es heute in Deutschland mit gewissen Gefahren verbunden, öffentlich die Wahrheit zu sagen. Wer nicht mit den politisch korrekten Wölfen heult, der wird erschossen. Das klingt hart, aber so ist es nun einmal. Ich hatte mich damals öffentlich für eine Familienpolitik stark gemacht, die dem heutigen russischen Abbild gleichkommt. Das ist mir schlecht bekommen. Mittelfristig wird die derzeitige Politik Deutschland und Europa schlecht bekommen, sie wird uns zerstören. Was wir unseren Kindern und den nachfolgenden Generationen antun, ist schon jetzt kaum noch gutzumachen!
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