Warum gewähren Sie STIMME RUSSLANDS ein Interview?

Ich mag Ihr Land. Gerade was die Familienpolitik angeht, interessiert mich Russland auch sehr. So ist mir bekannt, dass Familien nicht nur mit Geld gefördert werden, sondern auch mit Sachwerten wie Autos, wenn mehrere Kinder geboren werden. Es gehört bei Ihnen zum Regierungsprogramm, Familien ein Fundament zu geben, damit sie Kinder bekommen und mit den Kindern vor allem die erste wichtige Zeit gemeinsam verbringen können. Doch ausgerechnet Russland wird in Deutschland häufig verurteilt. Das ist schlechte Propaganda. Dabei könnte sich hier jeder im Internet selbst ein Bild machen, russische Medien lesen wie die Stimme Russlands oder Ria Novosti.

In den russischen Medien entdeckt man viel häufiger den Begriff Heimatliebe. Es freut mich sehr, dass Präsident Putin die Heimatliebe bewusst fördert. Das ist gut für Land und Leute. Wenn jemand in Deutschland den Begriff Heimatliebe benutzt, wird er nicht selten sofort mit einem Nazivorwurf bedacht. Dabei braucht jeder Mensch unbedingt das Recht auf seine Heimat, wo er seine Wurzeln hat. Man sollte stolz auf seine Heimat sein dürfen. In Deutschland ist man dann jedoch gefährdet. In Russland ist es das Gegenteil. Ich will nicht sagen, dass in Russland alles in Ordnung ist, natürlich gibt es da auch Probleme. Aber wenn es um das Wohl der Menschen, vor allem um ihre geistige Gesundheit geht, erscheinen mir die Programme dort viel sinnvoller als hier, im ehemaligen Land der Dichter und Denker, wo alles nur zu funktionieren hat, und wo es schon lange nicht mehr um den Geist geht. Wir werden vor allem vom Materialismus regiert.

Wie haben Sie es fertig gebracht, dass Sie nicht mehr für das deutsche Fernsehen arbeiten?

Fast 20 Jahre arbeitete ich für das Erste Deutsche Fernsehen, für die Hauptnachrichtensendung Tagesschau. Viele Jahre lang war ich der Meinung gewesen, alles richtig zu machen, wenn ich abends um acht Uhr den Menschen die „besten, objektivsten Informationen“ vorlas. Doch dann gab es irgendwann einen Tag, an dem ich stutzig wurde und diese »Wahrheiten« zu hinterfragen begann. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass das wohl ziemlich lang gedauert hat. Die Überzeugung des Richtigen war einfach so groß, weil es schließlich die wichtigste Sendung im Lande war. Und so begann ich die Informationen zu überprüfen und stellte plötzlich fest, dass es durchaus immer eine andere Seite der Medaille gibt. Und während wir hier in Deutschland nach wie vor melden, dass es keine Presse-und Meinungsfreiheit in China, in Russland, in der Ukraine oder in südamerikanischen sozialistischen Ländern gibt, stelle ich zunehmend fest, dass man hierzulande selbst nur selten offen und neutral berichten will. Die politisch korrekte Strömung muss eingehalten werden. Ich lief, zunächst bei den gesellschaftspolitischen Fragen, vor die Wand. Später wurde ich vom Sender entlassen, ich war „zu auffällig“ geworden.

Welches Ereignis brachte Sie noch zum Umdenken?

Ich wurde Mutter. Und stellte fest, dass gewisse Fakten zur Familienpolitik in der Öffentlichkeit völlig anders dargestellt wurden, als sie mit meinen und den Erfahrungen anderer Frauen in Wirklichkeit übereinstimmten. Beispiele: Mein Kind war zur Welt gekommen und ich wollte eigentlich zu Hause bleiben, obwohl ich eine sogenannte Karrierefrau war. Die Presse war begeistert, dass eine Karrierefrau aus der ersten Reihe ein Kind bekam und es wegorganisieren konnte, um schnell wieder zu arbeiten. In den Interviews wurde ich gefragt: Wie schafft man es, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen? Das ist bei uns ja ein ganz wichtiges Thema. Doch klar ist: Eins muss immer darunter leiden, die Karriere oder das Kind. Ich hatte keinen sehnlicheren Wunsch, als bei dem Kind zu bleiben. Ich versuchte, in den Interviews bei der Wahrheit zu bleiben, doch wenn ich sie äußerte, wurde ich verspottet, belächelt. «Sie hat irgendwelche träumerischen Mutterwünsche», sagten die Medien. Bald schrieb ich ein Buch über die Notwendigkeit des Stillens. In den Hauptmedien erntete ich dafür Spott, Kollegen sahen mich schief an. Wer hier sein Kind länger als sechs Monate stillt, muss sich Vorwürfe anhören, das Kind zu verzärteln und zu verderben. Dabei empfiehlt selbst die WHO eine Stillzeit von zwei Jahren. Es ist festzustellen, dass die öffentliche Medienmeinung total von der natürlichen Empfindung einer Mutter abweicht.
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