Was sagen diese Rebellen zu der Politik aus Russland?

Oh ... Sie haben schlechte Worte dafür. Als der russische Außenminister im Fernsehen auftauchte, fielen immer unfreundliche Äußerungen. Ich glaube, ich würde mich als russischer Journalist dort nicht bewegen wollen. Russland, so sagen die Kämpfer, sei gegen den Islam – und kämpfe deshalb auch gegen die "tschetschenischen Brüder". Es wird gesagt, dass Assad alle Zivilisten töten wolle und jeden, der Moslem sei. Laut Rebellen ist das Assad-System gegen die Gesetze von Allah. Im Land leben 75 % Sunniten. Und ich habe in Nord-Syrien niemanden getroffen, der nicht religiös orientiert ist.

Welche Leute trifft man unter den Rebellen?

Es gibt Dorfmilizen aus bewaffneten Zivilisten und Gruppen von Deserteuren der Armee. Beide agieren jedoch eher defensiv. Die schlagkräftigen Angreifer sind die islamischen Kämpfer, darunter auch die berüchtigten ausländischen Dschihadisten. Sie machen 5 bis 10 Prozent der Aufständischen aus. Einen Indonesier, einen Libyer und einen Saudi habe ich selbst getroffen. Von vielen mehr, vor allem Libyern, habe ich konkrete Geschichten gehört. Die Rebellen versuchen diese Leute vor den Journalisten zu verstecken, um Assad keine Argumente an die Hand zu geben.

Wie ist die Verhaftung abgelaufen?

Am 13.12.2012 fuhr ich mit einem Übersetzer gen Tremsah, einem kleinen Ort der zentralen Hama-Provinz. Hier hatte im letzten Sommer ein Massaker stattgefunden. Unterwegs, zwischen zwei Feldern, stand ein offener Lkw. Ich wusste: Es stimmt etwas nicht! Dann lagen links auf einmal ein gutes Dutzend Soldaten im Schlamm. Einer hielt das Maschinengewehr ans Fenster. Aussteigen! Wir legten uns in den Schlamm. Eine gute Stunde ging das so, zwischendurch fand ein kleines Gefecht statt. Ich wurde gefesselt und im Taxi nach Murhardah ins Militärlager gebracht.

Wie lang waren Sie im Gefängnis?

12 Wochen. Die meiste Zeit davon bei der Staatssicherheit in Damaskus.

Was wollte der Geheimdienst wissen?

Es wurde behauptet, dass ich eine geheime terroristische Mission gehabt hätte. Dazu stellte man eine Menge teils profaner Fragen, um mich in Widersprüche zu verwickeln. Ansonsten hatte ich genau den Ablauf der Reiseroute und meinen Lebenslauf zu beschreiben.

Wie war es im Gefängnis?

Nicht besonders toll. Im Militärgefängnis von Hama war es dunkel, kalt und feucht. Aber das Personal war nett zu mir. In Damaskus war die Einzelzelle warm und stets beleuchtet – aber die Wächter unfreundlich. Die Zellen waren 2,80 mal 3,40 Meter groß. Ich schlief auf dem Boden in fünf Wolldecken.

Konnten Sie etwas Besonderes über die Lage in Syrien erfahren?

Dass dort zwei Seiten gegeneinander Krieg führen, die beide Recht haben. Die Revolutionäre berufen sich auf ihre demografische Mehrheit an Sunniten ... und die Regierung ist Garant für das Überleben der Minderheiten. Das ist eine Tragödie – und ein schönes Land geht kaputt.

Wie lief die Befreiung?

Plötzlich ging die Tür auf. Ich konnte mir im Bad kurz den Kopf waschen. Im Fahrzeug ging es quer durch die Stadt – zum Außenministerium. Und diesmal ohne Augenbinde und Handschellen.

In welcher Richtung geht Syrien?

Vielleicht gibt es eine so genannte "jemenitische Lösung", die in Wirklichkeit nur ein Trick wäre. Assad ginge ins Exil, ein anderer General würde übernehmen. Mit westlichem Segen würden dann alle salafistischen Kämpfer niedergemäht. Derzeit sieht es jedoch eher danach aus, dass der Kunststaat Syrien zerfällt – wie einst Jugoslawien. Ein Land für die Alawiten an der Küste, ein Kurdenstaat, ein Drusenstaat. Und der Rest für die Sunniten, deren Unruhe auch auf die irakische Anbar-Provinz übergreift. Die Christen kämen «unter die Räder», weil man sie nicht geographisch zuordnen kann. Die meisten Christen des Irak beispielsweise haben ihre Heimat im Zuge des Bürgerkrieges verlassen.

Was sind die Ziele der Islamisten?

Die salafistischen Kämpfer sagen, wenn sie mit Syrien fertig sind, nehmen sie sich Israël vor und stürzen das Königreich in Saudi-Arabien. Sie wollen weitermachen, um den globalen islamischen Staat aufzubauen. Den sehen sie als Lösung aller Probleme der Menschheit.

Russland hat Ihnen mächtig geholfen? Warum nicht Deutschland?

 Die deutsche Regierung und auch meine Zeitung, die "JUNGE FREIHEIT", haben sich ein Bein ausgerissen. Aber Deutschland hat seine Botschaft in Damaskus geschlossen ... die einst guten Beziehungen gehören der Vergangenheit an. Peter Scholl-Latour hat zu meinem Fall geäußert: "Die Russen sind die letzten, auf die sich die Syrer verlassen können." Der russische Botschafter, Herr Azamatullah Kol Mohamadov, sagte mir im Fahrzeug, dass Außenminister Lawrow sich persönlich gegenüber einer syrischen Delegation für mich eingesetzt habe. Dafür werden meine Familie und ich ihm ewig dankbar sein. Nächste Woche werde ich einen Brief an ihn schreiben, um mich nochmal persönlich zu bedanken. Zusammen mit dem Chefredakteuer der JF, Dieter Stein, ist außerdem ein Treffen mit dem russischen Botschafter in Berlin geplant.
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