Die Medien berichten, dass Sie nicht mit einem Visum nach Syrien eingereist sind.

Ich wollte zuerst legal einreisen. Über 3 Monate wartete ich auf ein Journalistenvisum. Dann hieß es, es würden derzeit an keinen Reporter neue Einreisegenehmigungen ausgestellt. Daraufhin beantragte ich erfolgreich ein Touristenvisum für ganze sechs Monate. Der Reisezweck wurde allerdings von den Beamten nicht vermerkt. Man hätte es auch als Journalistenvisum benutzen können. Am Grenzenübergang nach Kasab, in Nordwest-Syrien, dem letzten im Norden unter der Kontrolle der Assad-Regierung, erlebte ich eine Enttäuschung: Aus "Sicherheitsgründen" erlaubten mir die Sicherheitskräfte nicht die Einreise. Drei Tage habe ich an diesem Grenzübergang im Schlafsack übernachtet und es immer wieder probiert und nach der Sicherheitslage gefragt. Die türkischen Grenzsoldaten waren zu mir sehr nett. Sie haben mir erlaubt, an der Grenze zu übernachten, obwohl es ein Niemandsland da ist.

Wie sind Sie nach Syrien eingereist?

Vor dem Flüchtlingslager Apaydien traf ich auf Sami und Mahmoud, sunnitische Muslime aus Nord-Syrien. Anhänger der Opposition. Ihr Ziel war Kontakt zu Ausländern für den Aufbau einer kleinen bewaffneten Einheit. Sie führten mich in ihre Kleinstadt mit dem Namen Talminis in der syrischen Idlib-Provinz. Mit Kleinbussen und Taxen ging es Stück für Stück voran – durch ein Loch im Grenzzaun. Nun war ich endlich im Land. Illegal ohne Stempel – aber mit gültigem Visum.

Konnten Sie sich frei im Land bewegen?

Von August bis Dezember 2012 bin ich dann in Syrien unterwegs gewesen – bis es zur Verhaftung kam. Ja, "frei". N ach den Gesprächen wusste ich, welche Orte sicher zu besichtigen waren, und welche nicht. Und das war jener eingeschränkte Raum, der sich unter Kontrolle von Rebellen befand.

Warst du immer mit Menschen, die gegen Assad waren?

Ich hatte eine einschneidende Entscheidung getroffen, nämlich ohne Stempel im Pass einzureisen. Somit war eine legale Besichtigung von Gebieten unter Kontrolle der Regierung nicht mehr möglich. Ich war auf die Rebellen angewiesen. Aber es ergaben sich ab und zu Gespräche mit Einwohnern, die nicht alles schlecht fanden an Assad.

Wie leben die Leute in Syrien?

Man mag es nicht glauben, aber es gab Orte mit einem funktionierenden Alltag. An manchen Tagen bekam ich nicht einmal mit, in einem Kriegsgebiet zu sein. Ab Oktober wurde es schlimmer. Stromausfälle kamen schon öfter vor. In Maarat an-Numan fand ein richtiger Krieg mit Luftangriffen und Mörserattacken statt. Essen gab es aber immer genug – die kleinen Läden blieben offen. Die Leute waren immer nett und freundlich. Die Preise für Benzin und Essen haben sich mehr als verdoppelt. Es war dann in etwa so teuer wie in Deutschland.

Was sagten die Leute über Assad?

In der Gruppe ist vom Sieg des Islams die Rede. Vom Vertrauen in Allahs Vorherbestimmung. Und dem menschlichen Kampfgeist. Unter vier Augen sprachen die jungen Kämpfer ab und zu anders. Sie konnten den Sinn des Krieges nicht verstehen und litten unter der Lage. Trotzdem: Die sunnitischen Muslime wollen eine Regierung nach ihren Vorstellungen bilden... und sie machen dreiviertel der Bevölkerung aus.

Werden die Leute zum Kampf gezwungen?

Sie sind nicht unbedingt von der Regierung gezwungen, sondern von ihrer Religion. Sie haben keine theologische islamische Begründung, warum sie nicht mitkämpfen sollten. Der Scheich und die anderen Leute sagen ihnen ständig, warum es im Islam wichtig ist, zu kämpfen, und als Märtyrer zu fallen. Sie haben keine überzeugende Gegenantwort darauf. Und Viele wollen auch gar keine haben.

Was sagen diese Syrer über die Rolle der Nato, die gegen Assad ist? Liefert die Nato Waffen?

Ihre Einstellung zur Nato war negativ. Sie sagen, dass die Nato "uns verraten" habe, weil sie gegen den Islam sei. Sie sei heimlich mit Assad befreundet, und behaupte nur im Fernsehen, den Aufstand zu unterstützen. Assad sei ein Freund Israels. Sie sagen auch, dass sie keine Waffen von der Nato erhalten haben und dass entsprechende Berichte nur Propaganda wären. Sie sagen, sie haben nie etwas gekriegt.

Woher kommen also die Waffen?

Die Waffen kommen aus dem Irak und werden sehr günstig dort gekauft. Die Beduinen, die immer unter Waffen standen, machen das Geschäft. Tatsächlich steht auf dem alten Zeug "made in Irak". Rebellen handeln sogar mit Soldaten der syrischen Armee, vor allem in der Hama-Provinz. Ich habe mitbekommen, dass Offiziere Munition an die Rebellen aus ihrem Depot verkaufen. Waffen werden auch nach siegreichen Schlachten vom Gegner erobert. Sehr viele Bomben von den Flugzeugen, 30 bis 40 Prozent, die runter fallen, explodieren nicht. Die Rebellen schrauben die Bomben auf, nehmen den Explosivstoff heraus und machen daraus improvisierte Sprengsätze. Das konnte ich in mehreren Heim-Waffenfabriken sehen. Das einzige, was sie mir hinsichtlich ausländischer Einmischung gesagt haben, ist, dass das Geld aus Saudi-Arabien und aus Katar fliesst. Da gibt es Kontaktleute, die das Geld in die Türkei bringen, um es an die Anführer verschiedener Kampfverbände zu überreichen. Sie haben betont, dass die dortige Regierung damit nicht zu tun habe – es soll sich um freiwillige Spenden vor allem reicher Golf-Araber handeln. Das Geld komme in Form der Zakah-Abgabe für den "Heiligen Krieg". Die mindestens 2,5% des persönlichen Einkommens sei gemäß Allahs Bestimmung für die Armen vorgesehen ... allerdings auch für "Verteidigung der Muslime". Der Begriff der ukrainischen Mafia als Waffenlieferant fiel auch öfter. Ich konnte es nicht nachprüfen. Aber die zahlreichen Steyr-Maschinengewehre aus Österreich, produziert in den 80er Jahren, kommen möglicherweise aus dieser Richtung. Hinweise auf ausländische Geheimdienst-Bewaffnung für die Rebellen habe ich nicht gefunden. Das muss aber nichts heißen.

Erhalten wir in den westlichen Medien also falsche Informationen?

Es kann sein, dass ausgesuchte Gruppen im Geheimen bewaffnet werden. Aber alle Rebellen, die ich in den vier Monaten getroffen habe, verneinten die Waffenlieferung aus der Nato. Alle Waffen, die sie hatten, waren alt.

Du sprichst, als ob es einfach gewesen wäre, innerhalb Syrien zu spazieren

Man muss einfach nachfragen, wenn man von einem Ort zum anderen fährt. Medien sind doch sehr selektiv. Neben dem Ort, wo der Krieg tobt, kann Ruhe herrschen. Darüber berichtet dann aber niemand.

Wie sind die Leute mit Ihnen gewesen?

Das syrische Volk ist ein unheimlich gastfreundliches Volk. In Englisch, Deutsch und Französisch sprach ich mit den Leuten. Ein Syrer, der in Deutschland gelebt hatte, erklärte mir, dass die Syrer das Gegenteil zu den Deutschen wären: Sie lieben Ausländer und hassen sich selbst.

Was sagen die Rebellen über die deutsche Politik?

Wie überall in Arabien bekommt man als Deutscher zu hören, dass Hitler, Autos und Fussball ganz toll seien. Die Politik kennen sie so gut wie nicht. Deutschland wird als ein Teil des Westens angesehen. Wenn es um kritische Themen wie "fehlende Waffenlieferungen" oder Israel geht, ist es von Vorteil, dass Deutschland als eine Art US-Kolonie betrachtet wird. Das gilt als Entschuldigung. Ansonsten hoffe ich immer darauf, als Reisender für die Politik der deutschen Regierung in Haftung genommen zu werden. Das ist schwierig, vor allem gegenüber der Staatssicherheit.

Medien zeigen schreckliche Bilder aus Syrien

 Ja, es gibt dort viele schreckliche Dinge zu sehen. Die Journalisten zeigen jedoch ausgesuchte Bilder. Man zeigt nur das Blut. Irgendwo findet eine Schlacht statt und in der Umgebung ist halt nichts passiert. In den Medien wird das so nicht gesagt. So denkt man, dass der Horror flächendeckend geherrscht habe.
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