Interview mit Wolfgang Büscher Teil 1

Haben Sie den Armutsbericht der Bundesregierung gelesen?

Ja, Natürlich, ich habe ihn mit großem Interesse gelessen.

Was halten Sie davon?

Der Armutsbericht ist die Tinte nicht wert, mit der er geschrieben wurde.

Ist der Armutsbericht realitätsgetreu?

Der Armutsbericht spielt nicht die wirkliche Realität wieder. Vor allem die älteren Menschen und die Kinder müssen leiden. Das ist in Deutschland gelebte Realität. Kinder sind keine Wähler und daher haben sie auch keine Unterstützung durch die Politik. Ältere Menschen, die vierzig Jahre und mehr gearbeitet haben, leben von einigen Hundert Euro Rente. Sie haben den Äußerungen von dem früheren Arbeitsminister Norbert Blühm, die Renten seien sicher, vertraut.

Experten der Arbeitswelt und der Armut sagen, dass der Armutsbericht verfälscht sei. Teilen Sie diese Meinung?

Ja, es ist ja inzwischen erwiesen, dass die Zahlen im Armutsbericht manipuliert worden sind. Vor allem unser Wirschaftsminister hat da eine unangenehme Rolle gespielt. Die Realität sieht anders aus. Jeder Politiker ist herzlich eingeladen, eine der Archen in Deutschland zu besuchen und mit den Eltern und Kindern zu sprechen. Aber das machen die Wenigsten.

Ursula von der Leyen hat von zwei Millionen Armutskindern im Land gesprochen. Sind Sie mit der Zahl einverstanden?

Wir gehen von rund 2,5 Millionen Kindern aus.

Wie erklären Sie die Armut bei den Kindern, wenn Deutschland als Musterland dekliniert wird?

Natürlich haben zahlreiche Menschen und Unternehmen in Deutschland Erfolg. Da ist richtig und auch gut so. Aber wir müssen vor allem die Kinder aus den bildungsfernen Familien helfen und unterstützen. Die kommen ohne fremde Hilfe nicht klar. Ihre Eltern können oder wollen ihnen nicht helfen. Aber die Kinder können nichts für ihre Situation. Deutschland braucht aber starke Kinder für eine gesunde Zukunft. Warum suchen wir junge Fachkräfte aus Griechenland, Spanien, Portugal, Zypern und anderen Ländern, wenn wir unsere eigenen Kinder nicht fördern. Das kann ich nicht verstehen.

Teilen Sie die Position von Frau von der Leyen, wenn sie sagt, dass “Arbeit gegen Armut kämpft’’?

Wir brauchen vor allem wieder gut bezahlte Arbeit. Arbeit ist nur dann sinnvoll, wenn man von ihr auch leben kann. Ansonsten subventionieren wir versteckt die Unternehmen, die mit Billiglöhnen hohe Gewinne machen.

Kann das Jugendamt die Kinderarmut überwinden?

Wir in Deutschland können die Kinderarmut nur dann bekämpfen, wenn wir dafür auch Geld in die Hand nehmen, vor allem für eine bessere Ausbildung der Kinder. Dafür brauchen wir mehr Lehrer und Erzieher, die den Müttern helfen, ihre Kinder zu erziehen. Zum Nulltarif ist das nicht zu haben. Kürzlich erzählte mir ein Mitarbeiter des Jugendamtes, er müsse rund 130 Kinder betreuen. Das kann nicht gutgehen.

Wieso steht die Rolle des Jugendamtes nicht im Bericht. Normal?

Nein, sicher nicht, da müssen Sie die Politiker fragen.

Sehen Sie bald ein Ende der Kinderarmut in Deutschland?

Leider nicht, zurzeit machen wir viel zu wenig für unsere Kinder.

Die Eröffnung weiterer Einrichtungen ist in Planung. Versinkt Deutschland in der Armut?

Wir als Land versinken sicher nicht in Armut. Aber wir leisten uns viel zu viele Menschen, die nicht mehr arbeiten können. Wir schätzen, dass wir in Deutschland rund 2,2 Millionen Menschen haben, die nie mehr werden arbeiten können. Sie sind schon viel zu lange arbeitslos und trauen sich nichts mehr zu. Hier muss man konkret ansetzen und diese Menschen wieder lebensfähig und damit arbeitsfähig zu machen. Das aber wird viele Milliarden an Gelder verschlingen. Wir haben zwar Gelder für die Bankenkrise und für die Krise des Euros, aber für unsere eigenen Bürger bleibt nichts mehr übrig.

Wird das Kindeswohl mit den Füßen getreten?

Jawohl, wir treten das Kindeswohl mit den Füßen. Das ist leider so.

Was braucht das Land für eine Politik, um die Kinderarmut zu bekämpfen?

Kinderrechte gehören ins Grundgesetzt. Nur dann können wir diese Rechte auch einklagen. Aber dagegen wehrt sich die Politik. Vielleicht sollten wir auch einmal über das Familienwahlrecht diskutieren. Dann hätte eine Mutter mit vier Kindern unter 18 Jahren fünf Wählerstimmen. Dann würden unsere Politiker sicher wach.

Welches Bundesland ist laut der Stiftung ‘‘Die Arche’’ das Ärmste?

Die beiden Stadtstaaten Bremen und Berlin sind am stärksten von der Kinderarmut betroffen. In Bremen ist es vor allem Bremerhaven. Hier leben mehr als die Hälfte aller Kinder in Armut.

Ist die ‘‘Arche” vom Staat gut unterstützt?

Wir erhalten keine staatlichen Gelder. Wir leben nur von Spenden.

Was raten Sie den Eltern, die heute Kinder haben wollen?

Kinder sind das wichtigste Gut in der Gegenwart und für die Zukunft. Es ist wichtig, dass alle Eltern, ja jeder Mensch für die Kinderrechte kämpft. Wir brauchen unsere Kinder auch für unsere eigene Zukunft. Sie sind unverzichtbar und ein großes Glück. Sie sind Gegenwart, sie leben jetzt und heute und wir müssen ihnen jetzt und heute helfen. Wir dürfen keine Zeit mehr verschwenden.

Welche positive Sachen sehen Sie in Ihrer Arbeit?

 Es ist wunderschön zu sehen, wie die Kinder in den Archen glücklich sind. Sie vergessen für einige Stunden das Leid und ihre Sorgen. In den Archen ist immer jemand für die Kinder da, Tag und Nacht. So sollte es auch sein, denn die Kinder sind das Wertvollste, was wir haben.
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